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Ich (wollte) will leben!

Vor zwei Jahren stellten die Ärzte bei mir Kehlkopfkrebs fest. Ich war 59 Jahre alt und dachte, das war's dann wohl! Doch ich habe gekämpft!

Es fing im Frühjahr 2005 harmlos an. Ich hatte Schluckbeschwerden. Ich dachte mir nichts dabei. War sicher nur eine Erkältung. Im Juni war es noch nicht besser, eher schlimmer geworden. Ich war dann beim HNO-Arzt. Er untersuchte mich, ging ins Nebenzimmer und kam nach einer Weile sehr ernst auf mich zu und sagte: „Ich vermute, dass Sie was am Kehlkopf haben. Es sieht nicht gut aus". Er telefonierte sofort mit der Uni-Klinik Münster und machte für mich einen Termin fest. Für die Gewebeprobe war ich drei Tage stationär in der Klinik. Das Ergebnis war niederschmetternd. Es war bösartig. Der komplette Kehlkopf und die Stimmbänder waren befallen. Die Ärzte klärten mich gut auf, was so alles auf mich zukommen würde. Sie wollten die Lymphdrüsen vorsichtshalber mit entfernen. Der Gedanke, nicht mehr sprechen zu können, war für mich unvorstellbar. Ich musste mein ganzes Leben umstellen.

Ich brach in Tränen aus. Ich war doch immer so lebenslustig und gesellig gewesen. Sollte das nun alles vorbei sein? Es schoss mir durch den Kopf, dann lieber tot sein. So ein Leben wollte ich nicht.

Mein Mann nahm mich in den Arm und sagte: „Wir beide schaffen das schon". Diese Worte haben mir Mut und Kraft gegeben. Ich habe mich für das Leben entschieden, für meine Familie, für das Enkelkind. Vielleicht kamen ja noch mehr Enkelkinder. Ich wollte doch sehen wie sie aufwachsen. Ich durfte ein paar Tage nach Hause. Im August 2005 musste ich wieder in die Klinik zur Operation. Am Tag vor der Operation habe ich meine Familie und engsten Freunde angerufen. Denn ab morgen konnte ich ja nicht mehr sprechen. Ich habe mein Telefon abgemeldet. Mir war richtig elendig zumute. Ich habe in der Nacht sehr schlecht geschlafen. Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf Vielleicht wäre es besser, ich würde aus der Narkose nicht mehr aufwachen. Ich hatte schreckliche Angst. Morgens um acht Uhr holte man mich zur Operation. Mir war nun alles egal. Als ich aus der Narkose erwachte, lag ich auf der Überwachungs-Station.

Um meine Wünsche mitteilen zu können, bekam ich eine Tafel und einen Stift. Das Telefon klingelte. Die Schwester hielt mir den Hörer ans Ohr und sagte: „Ihr Mann ist dran". Ich konnte ihn hören und wollte ihm was sagen. Jetzt wurde mir zum ersten Mal bewusst, ich bin ja ohne Stimme. Es war erbärmlich.

Die ersten Tage habe ich viel geweint. Dann kamen meine Familie und Freunde. Ich habe die Tafel heiß geschrieben. Ich hatte ja soviel zu berichten, und ich wollte ja auch soviel wissen. Ich konnte auch schon wieder lachen. Welch ein Glück, dass ich mit meinem Handy SMS schreiben konnte. So stand mir der Kontakt zu Gott und der Welt offen. Ich machte jeden Tag Fortschritte. Endlich nach fast drei Wochen durfte ich nach Hause. Es freuten sich alle, auch unser Hund. Er war die ganze Zeit bei Freunden untergebracht. Ich konnte ihn ja nicht rufen, aber er hörte auf Klatschzeichen. Er verstand mich ohne Worte. Es ist so, als wenn er jetzt besonders gut auf mich aufpasst.

Zuhause mussten mir sieben Zähne gezogen werden, ich bekam 36 Bestrahlungen und ein paar Chemo. Das war wieder eine schlimme Zeit. Als das abgeschlossen war, konnte ich meine Reha antreten. Dort lernte ich mit dem Servox-Gerät und später mit dem Shunt-Ventil zu sprechen. Nun möchte ich noch die Ösophagus Stimme erlernen. Ich denke mal, dass schaffe ich auch noch. Ganz schnell gebe ich nicht auf. Ich habe wieder Spaß am Leben. Meinen Mann und mich hat die Krankheit noch näher zusammen gebracht.

Geselligkeit wird bei uns groß geschrieben. Vor allem dem Schützenverein sind wir sehr zugetan. 1990/1991 waren wir das Königspaar. Es war ein wunderschönes Jahr. In diesem Jahr ist es meinem Mann gegen mehrere Mitbewerber gelungen, erneut den „Adler" von der Stange zu schießen. Dadurch wurde er Kaiser und hat mich als Kaiserin genommen. Das ist ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte, weil wir das erste Kaiserpaar der Schützenbruderschaft unserer Gemeinde sind. Das Publikum war begeistert. Die meisten kennen uns, weil wir in einer kleinen Gemeinde wohnen. Wir bekamen so viele Glückwünsche und ich war sehr stolz, beweisen zu können, dass das Leben auch mit meiner Behinderung noch lebenswert ist. Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken.

Seit einem Jahr gehöre ich dem Kehlkopflosen-Verband Bielefeld an. Ich danke allen, die mir Mut gemacht haben, zu kämpfen. Es war und ist nicht immer leicht, aber ich will leben!

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Wer zuversichtlich ist, dem wachsen Flügel


Brunhilde (Betroffene) u. Theo Beermann
Am Breiten Schem 8
33378 Rheda-Wiedenbrück


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